Mahāmudrā, ein Sanskritwort, das auf Tibetisch Chagchen heißt, bedeutet „das große Siegel“. Gemeint ist damit das grundlegende Kennzeichen aller Erfahrung. Alles, was wir erleben – Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen und auch das Gefühl eines Ichs – trägt dasselbe Siegel: Es ist nicht fest, nicht dauerhaft und nicht unabhängig, sondern offen, veränderlich und leer von einer eigenen, unveränderlichen Essenz.
Mahāmudrā ist weniger eine Theorie als vielmehr ein Meditationsweg. Im Zentrum steht nicht die Frage, was man denken oder glauben soll, sondern die direkte Untersuchung des eigenen Geistes. In der Praxis wird beobachtet, wie Gedanken entstehen und wieder vergehen, wie Gefühle kommen und sich auflösen. Dabei zeigt sich, dass der Geist selbst nicht als festes Ding auffindbar ist. Gleichzeitig ist er klar und bewusst. Diese Einheit von Offenheit und Klarheit wird im Buddhismus oft als Leerheit und Gewahrsein beschrieben. Mahāmudrā zielt darauf ab, diese Erfahrung nicht nur zu verstehen, sondern unmittelbar zu erkennen – eben durch diesen Meditationsweg, der sich allerdings nicht aufs „Sitzende Meditieren“ beschränkt, sondern wie das Leben ist.
Systematisch gehört Mahāmudrā vor allem zur Kagyü-Tradition des tibetischen Buddhismus. Es baut auf grundlegenden Meditationsformen auf, insbesondere auf der Beruhigung des Geistes und der Einsicht in die Natur der Erfahrung. Mahāmudrā kann sowohl auf der Grundlage der allgemeinen buddhistischen Lehren als auch im Rahmen des Vajrayāna geübt werden. In beiden Fällen geht es darum, Schritt für Schritt oder durch eine direkte Einführung die wahre Natur des Geistes zu erkennen.